Endokrinologie

Die Endokrinologie befasst sich mit dem Aussehen (Morphologie) und der Funktion endokriner Drüsen und der von ihnen produzierten Hormone sowie deren Regelungs- und Wirkungsmechanismen im Körper.

Grundsätzlich können bei Erkrankungen endokriner Drüsen sowohl Über- als auch Unterfunktionen vorkommen. Hormone haben meist komplexe und sehr unterschiedliche Wirkungen auf die verschiedenen Organsysteme. Entsprechend können die Symptome bei Mangel oder Überschuss des jeweiligen Hormons variieren.

Dabei entwickeln sich Hormonstörungen häufig über einen längeren Zeitraum, meist über Wochen und Monate. Je nach Erkrankungsstadium und individueller Ausprägung können die Symptome unterschiedlich sein. So kann bei einem Patienten nur ein einziges Symptom (z. B. vermehrter Durst) einen Hinweis geben, während bei einem anderen Tier viele Symptome sichtbar sind. Hinzu kommt, dass die Symptome bei verschiedenen Hormonerkrankungen ähnlich sein können.

So kann eine Unterfunktion der Schilddrüse beim Hund mit Fellverlust einhergehen, der auch bei einer Überfunktion der Nebennierenrinde auftritt. Bei letzterer Erkrankung  kann vermehrter Durst auffallen, ebenso wie bei einem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Auch Kombinationen verschiedener Hormonstörungen sind möglich.

Aus diesem Grund sind das diagnostische Vorgehen und der Therapieansatz bei Patienten mit hormonellen Erkrankungen sehr individuell!

Der behandelnde Tierarzt  muss sich über eine Allgemeinuntersuchung mit weiterführenden Untersuchungen ein Gesamtbild des Patienten machen. Beweisend ist abschließend meist die jeweilige Messung des Hormons im Blut und/oder Urin. Je nach Verdachtsdiagnose kann eine einmalige Messung ausreichen oder eine Funktionsprüfung der erkrankten Drüse erforderlich sein. Welcher Funktionstest sinnvoll eingesetzt werden sollte, wird im Einzelfall entschieden. Erst das Gesamtbild aus Anamnese, klinischen Symptomen und den Ergebnissen der Hormonmessungen lässt die Diagnose einer hormonellen Erkrankung zu und erlaubt den jeweiligen Therapievorschlag.

Die häufigsten Hormonstörungen bei Hunden und Katzen finden sich bei den folgenden Organen.

  • Schilddrüse
  • Nebennieren
  • Bauchspeicheldrüse

Die Schilddrüse ist eine schmetterlingsförmige Drüse, die am Hals unterhalb des Kehlkopfes sitzt. Die hier produzierten Schilddrüsenhormone (T3 und T4) haben vielfältige Stoffwechselwirkungen, unter anderem auf den Energiehaushalt des Körpers, den Sauerstoffverbrauch von Geweben, wachstumsfördernde Wirkungen sowie die Regulierung der Adrenalin-Empfindlichkeit des Körpers. Die Funktion der Schilddrüse wird wie bei anderen endokrinen Drüsen von der Hirnanhangsdrüse gesteuert, eine mögliche Störung kann auch hier lokalisiert sein.

Eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) findet sich beim Hund relativ häufig und kann mit Haarverlust, Hautveränderungen, zunehmender Lustlosigkeit und Herz-Kreislaufveränderungen einhergehen. Hierbei ist unbedingt zu beachten, dass andere Erkrankungen eine Unterfunktion der Schilddrüse vortäuschen können oder als Komplikation zur Folge haben, also ursächlich eine andere Grunderkrankung möglich ist und diese behandelt werden muss.

Insbesondere bei älteren Katzen, die Gewichtsverlust und/oder Fellveränderungen zeigen, muss an eine Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) gedacht werden, weitere Symptome sind möglich.

Schilddrüsenerkrankungen werden nach einer allgemeinen Untersuchung und mittels Blutuntersuchung diagnostiziert. Im seltenen Fällen sind weiterführende Untersuchungen wie Röntgen oder Sonografie notwendig.

Die Therapie erfolgt – bis auf wenige Ausnahmen – sowohl bei Über- wie bei Unterfunktion mit regelmäßigen Tablettengaben. In der Regel handelt es sich um eine Dauertherapie; wie bei anderen hormonellen Erkrankungen ist für einen guten Behandlungserfolg eine regelmäßige Kontrolle der Laborwerte unerlässlich. Unter diesen Voraussetzungen ist der Therapieerfolg in der überwiegenden Zahl der Fälle gut bis sehr gut.

Die Nebennieren sind paarig angelegte Drüsen, die von Fettgewebe umgeben vor den Nieren lokalisiert sind. Das Organ lässt sich in Rinde und Mark unterteilen, die jeweils verschiedene Hormone produzieren. Relevant sind vor allem die Erkrankungen der Nebennierenrinde, die bei Hunden vergleichsweise häufig vorkommen, Erkrankungen des Nebennieren Marks sind extrem selten.

Das spontane Cushing-Syndrom (oder Hyperadrenokortizismus) ist eine Erkrankung des mittelalten bis alten Tieres und die wahrscheinlich häufigste Hormonstörung bei Hunden. Dabei führt eine übermäßige Kortisol-Produktion aus der Nebennierenrinde bei vielen Hunden zu Fellverlust, erhöhtem Appetit und vermehrtem Durst, bei einigen Tieren wird die Haut dünner und ein Hängebauch entsteht, Hündinnen werden nicht mehr läufig, die Tiere sind nicht mehr so belastbar, schlafen viel. Die veränderte Stoffwechsellage kann auch Veränderungen von Laborwerten oder im Röntgenbild zeigen. Viele Symptome werden fälschlich auf das Alter der Tiere geschoben, haben aber letztlich krankheitsbedingte Ursachen.

Die Ausprägung der Symptome gerade bei diesem Krankheitsbild ist sehr unterschiedlich und das oben beschriebene „klassische“ Krankheitsbild muss in dieser Form nicht vorhanden sein. Im Einzelfall können auch nur erhöhte Leberwerte, vermehrter Durst oder auch nur das fehlende Nachwachsen des Fells nach einer Rasur Hinweise geben. Auch bei Patienten mit einem Diabetes mellitus, der nur unzureichend mit Insulin eingestellt werden kann, muss an ein Cushing-Syndrom gedacht werden.

Bei ca. 80 % der Hunde liegt die hormonelle Störstelle nicht an der Nebenniere selbst, sondern in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), der übergeordneten „Steuereinheit“. Eine lokale oder systemische (Langzeit-) Behandlung mit kortisonhaltigen Medikamenten kann zu gleichen Symptomen führen und muss von einem spontan aufgetretenen Cushing-Syndrom unterschieden werden. In diesem Fall darf bei den meisten Patienten die Gabe von Kortison nicht sofort und vollständig abgesetzt werden, damit die eigene zurückgebildete Nebennierenrinde nicht überlastet wird und eine Unterversorgung (s. Morbus Addison) entsteht. Bei Tieren mit der Verdachtsdiagnose Cushing-Syndrom muss zunächst die Diagnose mit Hilfe von Funktionstesten abgesichert und nachfolgend in einem zweiten Schritt die Störstelle lokalisiert werden. Diese Differenzierung ist für den Therapieansatz entscheidend.

In den meisten Fällen wird die Therapie des spontanen Cushing-Syndroms unter Praxisbedingungen medikamentös durchgeführt, je nach Therapieansatz, Störstelle und individueller Empfindlichkeit in unterschiedlicher Dosierung. Operationen oder Bestrahlungstherapien sind in Einzelfällen Alternativen. Für die medikamentöse Therapie stehen mit Mitotane (Lysodren®) und Trilostane (Vetoryl®) zwei unterschiedliche Wirkstoffe zur Verfügung.

In jedem Fall muss die Einstellung des Patienten individuell erfolgen. Wichtig ist uns eine enge Zusammenarbeit mit den Patientenbesitzern und eine vorherige vollständige Aufklärung über Wirkungsweise, Gabe und mögliche Nebenwirkungen. Ist diese Kooperation gegeben und kann die Therapiekontrolle entsprechend erfolgen, sind Nebenwirkungen nur in Ausnahmefällen zu beobachten und können entsprechend behandelt werden. Die meisten Besitzer sind überrascht, inwieweit sich ihr Tier positiv verändert, wie die krankheitsbedingten Symptome die Lebensqualität vor Therapiebeginn eingeschränkt haben. Regelmäßige Kontrollen in größeren Abständen (3-6 Monate) garantieren auch langfristigen Erfolg.

Bleibt ein Hund mit einem Cushing-Syndrom unbehandelt, muss abgesehen von der eingeschränkten Lebensqualität mit Komplikationen wie einem nachfolgenden Diabetes (Steroiddiabetes), Metastasenbildung bei Tumorpatienten u.a. gerechnet werden. Bei Katzen ist ein Cushing-Syndrom sehr selten. Insbesondere bei Katzen mit therapieresistentem Diabetes mellitus muss es aber differentialdiagnostisch berücksichtigt werden. Häufiger ist ein Cushing-Syndrom bei Frettchen zu beobachten.

Ein Mangel an Gluko- und Mineralokortikoiden führt bei einer Unterfunktion der Nebennierenrinde (Morbus Addison) zu Schwächesymptomen, häufig verbunden mit Erbrechen und Durchfall. Deutliche Konzentrationsveränderungen der Blutsalze Natrium und Kalium geben diagnostisch einen Hinweis, über einen ACTH-Stimulationstest als Funktionstest kann es sicher abgeklärt und entsprechend therapiert werden. Eine akute Addison-Krise ist immer ein Notfall und bedarf schneller Behandlung.

Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) besteht aus einem exokrinen Anteil, der Verdauungsenzyme produziert und einem endokrinen Anteil; dieser wird von der Gesamtheit der Langerhans-Inseln gebildet. In diesem Inselapparat werden je nach Zelltyp verschiedene Hormone gebildet. Dazu zählen das Insulin, der Gegenspieler Glucagon, Somatostatin und das pankreatische Polypeptid.

Bei einem Insulinmangel (Diabetes mellitus, „Zuckerkrankheit“) kommt es zu einer Störung des Glucosestoffwechsels. Dabei kommt es zu einer Blutzuckererhöhung, die ohne Therapie langfristig die Organe irreversibel schädigen kann. Stoffwechselbedingte Komplikationen wie eine Ketoazidose sind immer Notfallsituationen und müssen sofort behandelt werden, Nervenschädigungen können zu verändertem Gang und Schädigungen am Auge zu Blindheit führen.

Ein Diabetes mellitus kommt bei Hund, Katze und Kaninchen – wenn auch selten diagnostiziert- vor. Häufig trinken die Tiere viel, der Appetit kann übermäßig, je nach Situation aber auch kaum vorhanden sein. Viele Patienten nehmen anfangs zu, verlieren im Verlauf der Erkrankung dann aber an Gewicht.

Bei Katzen ist neben der Bestimmung der Blutzuckerkonzentration die Messung der Fruktosamine wichtig. Dies sind Stoffwechselprodukte, die bei der Zuckerverwertung im Körper anfallen und nicht stressbedingten Schwankungen unterliegen. Die Unterscheidung in verschiedene Subtypen ist bei Tieren etwas anders als beim Menschen, in nahezu allen Fällen ist ein manifester Diabetes mellitus insulinpflichtig. Aufgrund der Wechselwirkungen mit Sexualhormonen kann es sinnvoll sein, eine Hündin vor Therapiebeginn zu kastrieren, bei Katzen kann ein transienter Diabetes vorkommen, bei dem ein Insulinmangel nur kurzzeitig vorliegt.

Die Insulingaben erfolgen ein- bis zweimal täglich, nach entsprechender Einführung sind nahezu alle Besitzer problemlos in der Lage, ihr Tier zu spritzen. Dabei darf die kontrollierte und regelmäßige Fütterung nicht vernachlässigt werden. Auch beim Diabetes mellitus ist eine individuelle Einstellung und Kontrolle entscheidend für den Behandlungserfolg. Empfehlungen, welches Insulin wie oft verabreicht werden sollte, können auch hier nur im Einzelfall gegeben werden.

Das Heim-Monitoring über Blutzuckerkontrollen zu Hause durch die Besitzer ist gerade bei Katzen eine ideale Möglichkeit, die individuelle Einstellung zu verbessern, ein enger Kontakt zwischen Tierarzt und Besitzer unbedingt empfehlenswert.

Eine tumorbedingte übermäßige Produktion von Insulin kann bei einem Insulinom zur Unterzuckerung, Schwäche und anfallartigen Symptomen führen.

Sonstige endokrine Erkrankungen

  • Erkrankungen der Geschlechtsorgane mit Störungen der Sexualhormonproduktion
  • Erkrankungen der Nebenschilddrüse (Parathyroidea) mit Veränderungen des Kalzium- und Phosphorhaushaltes und Auswirkungen auf den Knochenbau
  • Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), u.a. Wachstumshormonmangel oder -überschuss, zentraler Diabetes insipidus
  • Weitere hormonproduzierende Tumore unterschiedlicher Art